Hiddenhausen. „Wer andere sieht, darf sich selbst nicht übersehen“: Dieser Leitsatz steht auf einer Karte im Arbeitszimmer von Katja Ruwwe in Eilshausen. Mit dieser Botschaft hat die 48-Jährige jetzt am Internationalen Speaker Slam in Mastershausen (Hunsrück) teilgenommen.
Maximal vier Minuten hatten die Teilnehmenden dort Zeit, um das Publikum und die Experten-Fachjury von ihrem Thema zu überzeugen. Katja Ruwwes Rede drehte sich um das, was sie das belohnte Funktionieren nennt: das Muster, in dem genau die Leistung belohnt wird, die langfristig erschöpft. Ihre These: Das belohnte Funktionieren sehe nicht dramatisch aus, sondern wie Verlässlichkeit oder aufgeräumtes Geschirr um Mitternacht. Es ende erst, wenn man hinschaue.
Die Rückmeldungen fielen sehr positiv aus. Gelobt wurden die anschaulichen Beispiele, die klare Dramaturgie und Struktur sowie die Ruhe und Kraft, die Ruwwe ausstrahlte. Dass sie auch ihre eigene berufliche Geschichte um das belohnte Funktionieren in ihre Rede einbettet, kam bei den Zuhörenden besonders gut an, denn die ist bemerkenswert.
„Mir war klar, dass ich professionelle Hilfe brauche“
Rückblick: Viele Jahre geht es für Katja Ruwwe beruflich nur in eine Richtung: nach oben. Nach ihrer Ausbildung bei der Deutschen Bank zieht es sie nach Hamburg, wo sie als „Chief of Staff“ für das Unternehmen tätig ist. „Ich habe ein Geschäftsleitungsmitglied unterstützt, die Sekretärinnen geführt und weitere Führungskräfte koordiniert“, sagt die gebürtige Bielefelderin, die seit 2008 in Hiddenhausen lebt. Lange Arbeitstage bis um 22 Uhr waren keine Seltenheit, „auch am Wochenende habe ich oft gearbeitet“, blickt Ruwwe zurück, betont aber: „Das war Eigenantrieb und kein Zwang von außen.“
Dieser Einsatz fordert seinen Tribut, mit 27 Jahren setzt sie ein Burn-out 2004 außer Gefecht. „Diesen Begriff gab es damals noch nicht. Ich bin einfach zusammengebrochen“, erinnert sie sich. Zunächst habe sie versucht, einfach weniger zu machen, aber irgendwann habe der Körper einen Shutdown gemacht. „Da war mir klar, dass ich professionelle Hilfe brauche.“
Sie geht in eine Klinik mit direktem Anschluss an eine Tagesklinik und verbringt dort zwei Monate, ehe sie sich im April 2005 bereit fühlt, wieder zu arbeiten. Als sie jedoch die Tür zu ihrem Büro öffnet, bricht sie erneut zusammen, wird ohnmächtig. „Ich habe dann meinen Mann angerufen und ihm nur gesagt, dass er mich abholen soll“, erinnert sie sich. Anschließend dauert es nochmals sieben Monate, ehe sie wieder arbeiten kann – zunächst zwei Stunden am Tag zur Wiedereingliederung.
Klienten zweifeln an sich oder fühlen sich überfordert
Sie habe damals zwar gemerkt, dass sie wieder arbeiten könne, habe aber auch vieles infrage gestellt, sagt Katja Ruwwe. Sie bildet sich als Coach fort und berät seit rund 18 Jahren als „Leadership Coach“ und Expertin für Selbstführung Menschen in Führungspositionen. Diese kommen zu ihr, weil sie sich überfordert fühlen, zu hohen Erwartungen ausgesetzt sind oder an sich selbst zweifeln.
„Es gibt die Formel: Leistung = Potenzial – Störung. Manchmal sind wir voll in unserem Element und kaum zu bremsen, doch wir haben Störfaktoren, wie Zweifel, Ängste oder Überforderung. Diese Störfaktoren sind der Grund, warum Menschen zu mir kommen“, sagt die Hiddenhauserin. Doch wie schafft sie es, ihren Klienten zu helfen? „Ich will dazu beitragen, dass Führung gesünder wird“, beschreibt sie ihren Coaching-Ansatz. So solle eine Führungsperson nicht daran gemessen werden, ob sie immer erreichbar ist. „Ich unterstütze zu priorisieren und gemeinsam mit dem Klienten zu schauen, was er oder sie braucht, anstatt im Funktionsmodus einfach weiterzumachen und das Pensum immer weiter zu erhöhen.“
Das Ziel und mögliche Wege dorthin erarbeite sie gemeinsam, betont Ruwwe. „Ich schreibe niemandem vor, was er tun muss, sondern stelle Optionen auf und führe über Fragen zu Lösungen. Die Entscheidungen treffen die Klienten aber selbst.“ Das gelte auch für Unternehmen, die Ruwwe ebenfalls berät. Neben 1:1- Coaching bietet sie ihre Begleitungen auch in Kleingruppen oder als Einzelintervention an. Wie lange ein Coaching dauere, sei sehr unterschiedlich.

Zwischen zwei Terminen könnten mehrere Wochen liegen. Manchmal seien wenige Termine ausreichend, bei längeren Prozessen könne die Begleitung auch Monate dauern. „Das hängt ganz vom Thema und der Mitarbeit der Person ab“, betont Ruwwe. Ihr Ziel sei, ihre Klienten stimmiger und souveräner auftreten zu lassen, „damit sie klarer und stärker für sich einstehen. Dabei begleite ich sie.“
Doch zurück zum Speaker Slam: Ihre Teilnahme verdankte die Hiddenhauserin einem Zufall. „Ich habe im Mai bei der Wunder-Party der Bestseller-Autorin Karin Kuschik („50 Sätze, die das Leben leichter machen“) den Hauptpreis gewonnen. Da war die Teilnahme am Speaker Slam inbegriffen.“ Sie habe sich zunächst gefragt, ob sie das wirklich machen wolle, sich aber letztlich dafür entschieden, auch wenn sie sehr aufgeregt gewesen sei. „Als Moderatorin oder Trainerin hatte ich immer Slides oder eine Flipchart dabei, beim Slam war es komplett ohne.“
Dennoch lief alles glatt, die positiven Rückmeldungen beweisen es. Ihre Botschaft will sie nun auch bei Verbänden und Unternehmen platzieren, dabei allerdings mit Bedacht vorgehen. „Ich gehe in meinem Tempo“, betont Ruwwe. „Vor 20 Jahren hätte ich vermutlich schon ganz viele Unternehmen deswegen angeschrieben, jetzt prüfe ich“, sagt Ruwwe und folgt damit ihrem eigenen Ansatz.
Ursprüngliche Veröffentichung: https://www.nw.de/lokal/kreis_herford/hiddenhausen/24387892_Nach-Burn-out-Hiddenhauserin-begeistert-beim-internationalen-Speaker-Slam.html#